Was ist die richtige Belichtung?

Eine berechtigte Frage, die sich viele Fotografen, die die Technik lieben, einmal stellen sollten.

Ein befreundeter Fotograf stellte diese Frage, im Zusammenhang mit der Kameratechnik und der Frage nach Gesetzmäßigkeiten und Regeln.

Es gibt sie nicht

Millionen von “jungen” Fotografen, glauben ernsthaft, das das was die Kameraindustrie ihnen als Belichtungsautomatiken und Programmen liefert, auf der Basis von Wissenschaft und deren Regeln geschieht. Mit nichten. Alles empirisch.

Man muss der Kameraindustrie zu Gute halten, das sie das niemals behauptet hat oder heute behauptet. Dieses Blödsinn haben sich wieder einmal Fotografen ausgedacht, millionenfach verbreitet und so zu einer Art “Religion” entwickelt. Die wirkliche Historie, die ich miterleben durfte, später.

Das Histogramm ist Schrott!

Das Histogramm ist ein rein statistisches Verfahren und hat keinerlei Bezug zur Qualität, sondern nur zur Quantität. Wenn mich etwas als Physiker ärgert, ist es, wenn pseudo-wissenschaftlicher Schwachsinn zur Gesetzmäßigkeit erhoben wird.

Ein Histogramm sagt nur eines aus:

Wieviele Sensorpixel mit welcher Lichtmenge getroffen wurden

Nicht wo, nicht wie und auch nicht was. Eine rein statistische Zahl ohne jegliche Aussagekraft in der Praxis. Auch das ist zur “Religion” der Fotografen geworden. Mehr nicht. Kein Physiker der Welt würde auf dieser Basis qualitative Aussagen zum Bild treffen, nur Fotografen.

Das Einzige, was das Histogram aussagt ist, wie viele Sensorpixel, mehr Licht oder weniger Licht erhalten haben, als sie noch verarbeiten können. Der Laie sagt über- oder unterbelichtet, was aber auch nicht stimmt, da es eine Qualitative Aussage ist.

Was nützt es mir zu wissen, wie viele Sensor zu viel oder zu wenig Licht bekommen haben, wenn ich nicht weiß wo im Bild und was dies für die Bildaussage bedeutet. Ein rein schwarzer Hintergrund soll auf rein schwarz sein, also vollkommen unterbelichtet. Ein rein weißer Hintergrund, z.B. Freisteller in der Produktfotografie, soll auch rein weiß sein, also überbelichtet. Ein punktförmiges Catchlight im auge eines Modelles soll durchaus rein weiß sein.

Was soll also dieser Schwachsinn von richtiger Belichtung über das Histogramm?

Selbst “Zebramuster” im Sucher oder Display, für unter-oder überbelichtet, helfen hier nicht wirklich weiter. Außer, dass sie in der Betrachtung und Beurteilung des Bildes nur stören.

Wie der 18% Grau Wahn begann

Für die Youngster, ein kleiner Einblick in die Historie, der erklärt, warum alte Hasen im besten Falle nur mit dem Kopf schütteln oder wie ich Anfälle bekommen.

Ich habe vor 54 jahren angefangen zu fotografieren. Erst mit einer Kodak Instamatic, dann mit einer Seagul 6×6 ohne Belichtungsmessung und Technik. Später dann mit Mamiya 645 und 67 ohne Nutzung jeglicher Technik … Immer nur mit Handbelichtungsmesser.

In den 60zigern wurden die ersten Kameras mit internem Belichtungsmesser entwickelt und auf den Markt gebracht. Problem für die Hersteller war aber … wie die Belichtungsmesser einstellen, das sie akzeptable Ergebnisse für den Laien bringen?

Man ist schon damals davon ausgegangen, dass ein Großteil kein wirkliches Verständnis für Technik besitzen und erste recht nicht für physikalische Gesetze. Man hat also begonnen zu abstrahieren und zu vereinfachen. Heute, eigentlich der Anfang vom Ende für wirklich gute Bilder.

Empirische Untersuchungen

Also hat man Versuchsreihen mit Portrait, Landschaften in unterschiedlichen Lichtsituationen gemacht und diese mit den Ergebnissen von aufgenommen Graukarten unterschiedlicher Graustufen gemacht.

Ziel war es eine Belichtung herauszufinden, bei der die dunklen Bereich noch nicht abgesoffen und die hellen Bereiche nicht ausgebrannt waren.

Warum war das damals so wichtig?

Weil alle Aufnahmen damals noch auf Papier ausbelichtet wurden! Das Filmmaterial hatte einen sogenannten Dynamikumfang von 5 Blendenstufen und das Papier teilweise sogar noch weniger.

Es stellte sich heraus, das die besten Ergebnisse in der Praxis, denen einer 18% grauen Fläche entsprach. In “einfachen Worten”, das Integral der Lichtverteilung über eine typische Aufnahme in der Praxis, entsprach dem Integral der Lichtverteilung einer 18% Graukarte …

Unheimlich wissenschaftlich und gesetzmäßig. Nicht wahr?

Aber es funktioniert in der Praxis sehrt gut. Ein Großteil der gemachten Aufnahmen konnten ohne Probleme auf Papier gebracht werden. Nur eben nicht die Nachtaufnahmen, die Schneebilder und andere Exoten …

Man war zufrieden und die Zufriedenheit ist nun zum “Gesetz” der Fotografen geworden ohne jeglichen Bezug zum Ursprung.

Kein Objekt ist wie das Andere

Das Hauptproblem der Messung reflektiertem Lichtes in der Realität. Ein Nachtaufnahme sollte nicht 18% Grau werden, die Haut eines kaukasischen oder afrikanischen Modelles sollte nicht  18% Grau werden.

Weil es eben nicht der Realität entspricht. Im Mittel mag man mit 18% Grau hin kommen, im Detail nur sehr selten.

Ich achte erst sehr darauf, das die Hauttöne meiner Modelle der Realität entsprechen. Erst dann entscheide ich künstlerisch ob es mir gefällt oder nicht …

Handbelichtungsmesser

Eigentlich der heilige Gral der Belichtungsmessung. Warum? Weil er als Einziger, nicht das vom Objekt reflektierte, sondern die auf das Objekt auftreffende Lichtmenge (in Lumen) mißt. Physikalisch, die einzig wirkliche Lichtmessung.

 

Außerhalb des Studios aber aus der Mode gekommen. man ist einfach “faul” geworden. Man müsse ja zum Modell gehen, messen und dann auch noch manuell alles einstellen …

Aber auch im Studio setzen immer weniger Fotografen Belichtungsmesser ein. Beschweren sich aber, das ihre Bilder denen gewisser anderer Fotografen nicht entsprechen. Selbst Schuld.

Auch die Hersteller der Handbelichtungsmesser sind nett zu Fotografen. Sie setzen je nach Einstellung den Lumenwert brav in ISO, Blende und Belichtungszeit um. Früher musste man da noch Kopfrechnen.

Wer also unbedingt wissenschaftlich exakte Werte haben möchte, muss den Handbelichtungsmesser benutzen. Bringt aber auch nicht viel, da man für Exaktheit keinen Preis gewinnen kann …

Dynamikumfang

Das Traumwort des heutigen Marketings. Aber auch der Albtraum der 18% Grau Verfechter. Der Dynamikumfang eines Sensors sagt eigentlich nur aus, wie weit die auf den Sensor fallenden Lichtmenge variieren kann ohne das die Sensorpixel über bzw. unterbelichtet sind. Er wird in EV oder Blendenstufen angegeben.

Das Ganze begann ja im Zeitalter des Filmmaterials mit einem Dynamikumfang von ca. 5 Blendenstufen.

Heutige Sensoren guter Kameras haben aber einen Dynamikumfang von 14- 15 Blendenstufen. Das bedeutet das dreifache des alten Filmmaterials.

Die Belichtungsmesser in den Kameras arbeiten aber immer noch nach dem alten Prinzip, als hätte sich nicht verändert. In der Realität bedeutet es eigentlich, das wir nach oben und unten rund 5 Blendenstufen Reserve haben müssten … Das passt leider so nicht, da Sensoren keine lineare sondern eine gekrümmte Empfindlichkeitskurve je nach Lichtmenge haben.

Ich teste meine Kameras deswegen immer nach “oben”. Also wie weit kann ich überbelichten ohne das ich später in der Bildbearbeitung beim “runterziehen” der Highlights die Zeichnung in diesen Bereichen verliere. Ich kam früher auf 2 Blendenstufen, dann 2,5 Blendenstufen und nun sind es schon 3 Blendenstufen!

Warum überhaupt “überbelichten”? Sorry, es ist ja gar kein überbelichten, es ist den Sensor bis zu seinen grenzen ausreizen. Das macht in der Praxis sehr viel Sinn. Denkt mal darüber nach…

Die richtige Belichtung

Kann es also gar nicht (mehr) geben. Die subjektive Beurteilung des Bildes auf dem Display oder Papier, durch Fotograf oder Kunde entscheidet, was richtig oder falsch ist.

Kein Hersteller, kein Pseudo-Gesetz und erst recht keine anderer Fotograf.