Shooting-Vorbereitung für Anfängermodelle

Wer bin ich?

Für die die mich noch nicht kennen. Ich bin aktuell 62 Jahre alt und fotografiere seit 54 Jahren … 12 Jahre davon als Vollprofi, 21 Jahre semi-professionell und hauptsächlich international. Ich habe März 2016, aus privaten Gründen, beschlossen kommerziell aufzuhören und sozusagen in „Rente“ zu gehen. Seit Juli 2018 nun endgültig im Ruhestand.

„Die Katze lässt das Mausen nicht“ und ich habe nach rund drei Monaten Abstinenz in 2016 gemerkt, das ich auch nicht 100% aufhören kann. Also habe ich angefangen TfP’s zu machen und zu schauen, ob da jemand interessantes für meine Kamera ist …

Mittlerweile hat mich die Historie etwas eingeholt. Ich arbeite wieder für befreundete Agenturen im Bereich Sedcards und mache das eine oder andere Fashion-Projekt, wenn es mich reizt.

Keine Angst

Man muss keine Angst vor dem ersten Shooting mit einem Profi haben, aber etwas Respekt schadet nicht. Er führt oftmals dazu, das man das Ganze nicht zu locker sieht und unterschätzt. Ganz im Gegenteil hat der Profi Routine, ist nicht mit sich selbst beschäftigt und sieht alles sehr gelassen.

Möchte man „gute Fotos“ erhalten, so muss man auch etwas tun und zwar sich vorbereiten. Darum geht es nun.

Ich habe seit Jahren ein Vorbereitungsvideo, derzeit in der neunten Fassung, das helfen soll, zu verstehen, worum es geht und warum man sich wie verhalten sollte:

 

Verständnis für die unterschiedlichen Themengebiete

Es gibt nicht „das Shooting“. Es gibt Shootings in unterschiedlichen Bereichen und damit Zielsetzungen:

Portrait

Beim Portrait geht es ausschließlich um die abgebildete Person. Es gibt unterschiedliche Kompositionen:

Headshot – nur der Kopf und Schulterlinie ist zu sehen

Halbkörper – aus oftmals früher „Brustbild“ genannt, geht bis maximal zur Taille.

Dreiviertel – wie der Name schon sagt geht es bis maximal Knie

Ganzkörper – nun sind auch die Füsse sichtbar

Jede dieser Kompositionen hat natürlich Auswirkung auf das sogenannte „Posing“. Also wie man sich stellt und verhält.

Natürlich gibt es auch „Charakter-Portraits“, aber darum geht es hier nicht. Wir sind nur im Bereich der „Beauty-Portraits“.

Headshot

Beim Headshot ist nur der Kopf und die Schulter zu sehen. Hier spielt sich das Posing hauptsächlich im Gesicht, also Augen, Mund und (man glaubt es kaum) Haare und Hände ab.

Gleiches (Profi) Modell, aber mit unterschiedlicher Aussage.

Nun werden viele sagen „ach ja, ein Profimodell, die können das natürlich“. Leider nein, die wenigsten Profis sind dazu in der Lage. Warum, später.

Es hat einfach nur mit der Vorbereitung zu tun und zu verstehen, worum es eigentlich geht. Hier ein paar Amateure bei ihrem allerersten Shooting zum Vergleich:

 

Warum sind die Bilder so gut geworden?

Weil man das Ganze nicht auf die leichte Schulter genommen hat, sich vorbereitet hat und sich dann einfach bemüht hat sein Bestes vor der Kamera zu geben. Im Grunde kann es jeder.

Outfit

Grundsätzlich schulterfrei und ohne sichtbare Träger. Das kann ein entsprechendes Oberteil sein. Trägerloser BH, BH mit herabhängenden Trägern usw. Das ist dem Fotografen und Bild vollkommen egal. Nur ein Tipp aus der Praxis ist, etwas zu nehmen das die Bewegungsmöglichkeit so weit wie möglich nicht einschränkt.

Warum Profis oftmals versagen?

Weil sie der Meinung sind, das sie schon alles wüssten und können. Die Arroganz der Routine führt sie auf das Glatteis. Der Headshot ist deshalb die Königsdisziplin für Profimodelle. Er trennt die Spreu vom Weizen. Jeder kann ohne Probleme Katalog-Fashion machen. Das ist trivial.

Halbkörper

Jetzt erst kommt der Körper ins Spiel.

Outfit

Ab hier gilt bei mir die Regel. Der BH sollte nicht heraus- oder durchschauen. Entweder ganz oder gar nicht. Ein Dessousteil das im Bild klar sichtbar ist, kann sehr gut aussehen. Es sollte aber niemals wie ein Fehler wirken.

Im Zweifelsfall immer der fleischfarbene trägerlose BH. Ich habe mir von Modellen sagen lassen, das Hunkemöller sehr gute haben soll.

Natürlich ist auch hier das Gesicht und damit der Ausdruck immer noch der wichtigste Bereich im Bild, aber der Oberkörper kommt erstmals „zur Geltung“. Das Outfit bestimmt nun, wie wichtig er im Bild wird.

Die Wahl des Outfits, bestimmt die Wirkung auf den Betrachter. Möchte man als liebes nettes Mädel von nebenan erscheinen, bietet es sich an, auf Decollete und entsprechende Wirkung zu verzichten.

Möchte ich entsprechend herausfordernder erscheinen, so wähle ich das passende Outfit und versuche den Ausdruck entsprechend zu ändern.

Jeder muss für sich entscheiden, wie er sich sieht und vor allem, wie er gesehen werden möchte. Das gilt im Speziellen für:

Sensual Portraits

Wie der Name sagt, geht es um Sinnlichkeit. Es geht definitiv nicht um Nacktheit. Das wäre Teilakt, verdeckter Akt usw.

Wir sind hier im Bereich der Dessous und entsprechender Betonung der Oberweite.

Dreiviertel- und Ganzkörper

Hier beginnt das Portrait mit dem Fashion-Bereich zu „verschwimmen“. Ich spreche hier immer gerne von fashion-like. Es ist kein Fashion, sieht aber oftmals auf dem ersten Blick so aus als ob …

Warum? Weil immer mehr das Outfit zu sehen ist und den Blick des Betrachters vom Modell ablenkt. In der Fashion-Fotografie ist das sogar gewollt und Ziel, im Portrait nicht.

Outfit

Ein Tipp aus der Praxis, moderne Hosen verstecken nichts. Marlene Dietrich Hosen schon, aber die sind gerade nicht in. Gerade Jeans betonen alles sehr extrem. Kleider sind dort oftmals hilfreicher.

Man kann hier aber das wählen, was der Person entspricht. Möchte ich sportlich erscheinen verwende ich ein entsprechendes Outfit usw.

Hier hat das (Portrait) Modell vollkommene Freiheiten.

 

Zum Schluss noch etwas zum Verständnis aus dem kommerziellen Bereich, für diejenigen, die gerne ein echtes Modell werden wollen.

Beauty

Wir kommen nun in den Bereich der kommerziellen Fotografie. Etwas im Bereich der Beauty-Produkte soll verkauft werden.

Im Grunde ein „kommerzieller“ Headshot, bei dem es aber nicht mehr um die Person, sondern um das Produkt geht.

Hier haben nur diejenigen eine Chance, die den Headshot perfekt beherrschen.

Fashion

Fashion, sind Bilder von Frauen für Frauen. Es soll etwas an die Frau verkauft werden! Outfit usw. Es handelt sich um eine Form der Produktfotografie und dient ausschließlich der Vermarktung.

Damit muss man als Modell auch nicht sich, sondern das Produkt in den Vordergrund stellen.

Ich bringe immer das triviale Beispiel einer Abendrobe mit tiefem Rückenausschnitt und geschlossenem Vorderbereich. Wer sich hier frontal vor die Kamera stellt, hat sich schon disqualifiziert.

Man wird als Modell nicht dafür bezahlt, das man hübsch ist, das ist selbstverständlich, sondern dafür das man weiß, wie man ein Produkt richtig präsentiert. Ob nun Outfit, Accessoires, Schmuck usw.

Man sollte ein natürliches Verständnis für Design haben, um zu verstehen, was das wichtigste im Design ist und dies richtig präsentieren. Hier kann einem niemand wirklich helfen, da man es verstehen muss.

Der Spruch „der Fotograf soll mir sagen, was ich tun soll“, ist im Profibereich selbst-disqualifizierend.  Ein Modell wird dafür bezahlt, das es weiß was es zu tun hat.

Im Portrait hat das Körperposing keinen großen Stellenwert.

Sonstiges

Begleitpersonen

Begleitpersonen sind durchaus erwünscht,solange sie sich ruhig im Hintergrund verhalten.

Vertrag

Ein Vertrag ist Bedingung. Ja, ich bestehe darauf, da es in erster Linie auch meine Absicherung ist.

Fazit

Gut vorbereiten.

Etwas schulterfreies mitnehmen

Mindestens drei bis vier Outfits einpacken. Bei Sensual etwas dekolletiertes und Dessous.

Es gelassen angehen …